siehe Hauptebene: Rechtslage; Lokalisierungen; Chodossowitschi; Veröffentlichungen
Kapustino; Thevissen; diverse Zeitungsartikel
Kriegsgräberfürsorge
Veröffentlichungen
Schurawitschi
Der folgende Artikel erschien im April 2007 in den "Ostfrisischen Nachrichten" und war auf Grund seines Umfangs auf 5 teilweise ganzseitige Ausgaben verteilt. Einleitung war am 05.April 2007, die Teile 1 bis 4 erschienen am 07.04.; 21.04.; 28.04. und 05.05.2007.

Reise nach Schurawitschi

Expedition zum Grab eines im Krieg getöteten Soldaten aus Riepe - und in ein so fremd erscheinendes Land  - 1. Teil

von Arnold Weers

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl in mir, dass ich nicht beschreiben kann, als sich im Rückstau an der Grenze von Belarus zu Polen stehe. Etwa vier Stunden dauert es, bis ich an der Reihe bin.

Aber die Zeit wird mir nicht lang, die Eindrücke der zurückliegenden zehn Tage gehen mir immer wieder durch den Kopf. Was für ein Land, denke ich mir. Ich habe viel erlebt und gesehen auf der Reise zum Grab eines meiner Onkel, die im Krieg getötet wurden und die ich nur aus dem "Hörensagen" in der Familie kenne.

Jann Köllman ist einer von ihnen, der Bruder meiner Mutter. Am 3. Oktober 1943 traf ihn ein Granatsplitter in der Leber und es dauerte fast sieben Wochen, bis er am 23. November 1943 im Lazarett von Schurawitschi starb und auf dem Friedhof des Lazaretts begraben wurde. Ein Foto vom Grab gibt es nicht, es blieb keine Zeit, um eines zu machen. Bereits am 25. November musste das Lazarett fluchtartig geräumt werden, weil die Rote Armee eine neue Offensive startete. Lediglich das Foto des Lazaretts und ein Foto des Friedhofes blieben erhalten. Eine Krankenschwester schickte es meiner Oma auf Nachfrage, und machte an der Stelle einen Strich, an dem Jann Köllman begraben wurde.

Erhalten blieben neben diesen Fotos einer Reihe weiterer Fotos, die Jann selber mit seiner Kamera gemacht hat, eine Reihe von Feldpostbriefen und ein EK II, das ihm einen Tag nach seiner schließlich tödlichen Verwundung verliehen worden war. Jann Köllman hat es selber nicht mehr gesehen.

Und jetzt war ich dort, um dieses Grab zu suchen und schließlich zu finden. Meine Bedenken hatten sich auf der Reise zerstreut. Wie würde ich in Weißrussland aufgenommen werden, wenn ich als Deutscher in dieses Land käme, dass so unendlich unter den Deutschen zu leiden hatte?

"Fahren Sie hin, sie werden keinen Hass auf Deutsche erleben", sagte mir der 1. Botschaftsrat der Republik Belarus vor meiner Abfahrt in der Berliner Botschaft. "Sie werden auf sehr viel Verständnis für Ihre Suche treffen", so Sergei Malinowsky. "Es sind sehr viele Russen im Krieg getötet worden, auch alles Söhne, Brüder, Väter oder Onkel, die in ihren Familien große Lücken hinterlassen haben und um die auch heute noch getrauert wird. Auch von den russischen Soldaten ist nicht immer bekannt, wo sie begraben sind. "

Es stimmt, denke ich mir, als ich im Stau an der Grenze stehe. Ich habe nur Menschen erlebt, die es für das Selbstverständlichste auf der Welt halten, ihren Familienangehörigen auch nach 60 Jahren noch einen letzten Gruß zu widmen. An den russischen Kriegerdenkmalen habe ich immer frische Blumen gesehen - und immer waren die Anlagen sehr gepflegt.

Es gibt viele davon in Belarus. Manche in den Dörfern und manche auf freiem Feld oder an den Straßen in den Wäldern. Der Boden Weißrusslands ist vom Blut getränkt. Napoleon wurde hier vernichtend geschlagen, im Ersten Weltkrieg wüteten hier die Heere, dann überfielen die Polen das Land, die stalinistischen Massenrepressionen forderten mehrere 100.000 Opfer und im Zweiten Weltkrieg ging die Front einmal durch das Land in Richtung Osten und drei Jahre später wieder zurück in Richtung Westen. Und dann die Katastrophe von Tschernobyl, denke ich mir. Was für ein leidgeprüftes Land…

Überall liegen Soldaten im Boden, und längst nicht alle Grablagen sind bekannt. Franz Masser ist seit Jahren auf der Suche, beschäftigt sich mit der systematischen Erfassung dieser Grablagen. Der ehemalige Polizeipräsident der nach der Wende gegründeten Polizeidirektion Dessau sucht das Grab seines Bruders. Er sucht, wie so viele Angehörige vermisster Soldaten, bislang vergeblich.

Franz Masser wird unser Gastgeber und Reiseleiter sein. Wir sind Thomas Ley aus Köln, dessen Opa irgendwo bei Gomel liegt und ich, dessen Onkel in diesen Ort Schurawitschi liegt, den ich erst nach langem Suchen schließlich lokalisieren konnte. Er liegt etwa eine Autostunde nördlich von Gomel und hat eine halbe Stunde östlich von Rogatschew. Unmittelbar neben der alten Katharinenstraße, die Katharina die Große über Hunderte von Kilometern durch den schier unendlichen Wald Russlands hatte bauen lassen.

Franz Masser hat unglaublich gute Kontakte in Belarus. Als Polizeipräsident hatte er u.a. die Aufgabe, die Rückverlegung der Roten Armee nach der deutschen Wiedervereinigung mit zu organisieren. "Ich habe versucht, den Russen diesen für sie sicher sehr schweren Abzug in Würde zu ermöglichen", sagte er einmal. Man hat dies wohl registriert, und sein Name öffnet ihm viele Türen, vor denen andere lange warten müssen. Er arbeitet nicht alleine. Seine hinreißende Mitarbeiterin Olga Shapovalova ist Ingenieurin und Vorsitzende der gemeinnützigen öffentlichen Vereinigung "Erinnerung" und Dolmetscherin in einer Person.

Thomas und ich nehmen Quartier in einem typisch russischen Holzhaus in Rogatschew am Dnepr. Als wir nach zweitägiger Fahrt dort ankommen, steht das Essen schon auf dem Tisch. Olga und ihre Mutter Walja, die eigentlich Valentina heißt, haben ein russisches Menü mit Hähnchen, Eis, Krimsekt und einem leckeren Nachtisch für uns vorbereitet. Wir sind hungrig, aber nicht müde von der Fahrt.

Die Überlandstraßen in Belarus sind erstaunlich gut, fast eine Erholung nach den Trampelpfaden, die wir in Polen kennengelernt hatten. Als wir über die Grenze kamen, sagt Franz: "Nach 2 Stunden rechts abbiegen, dann viereinhalb Stunden geradeaus und dann links abbiegen." Ich denke, er will mich auf den Arm nehmen, aber weil er das offensichtlich ernst meint, schaue ich auf die Uhr und denke mir: "Mal sehen…"

Er hatte recht. Nach viereinhalb Stunden Fahrt auf der schnurgeraden Straße stehen wir in Rogatschew an einer Ampel und müssen links abbiegen. Einige hundert Meter kommen wir am Stadtpark vorbei. "Hier liegen etwa 800 Soldaten begraben", sagt Franz. Ich kann nichts sehen, ein ganz normaler Park, in dem Kinder spielen und frisch Verliebte ihre Runden drehen. "Nein", sagt Franz, "man kann sie nicht sehen. Und doch liegen sie da."

Am nächsten Tag ist erst einmal ausschlafen angesagt und ein wenig Sightseeing. Olga lotst uns zum Soldatenfriedhof Chodossowitschi, fast ein Modellprojekt im Vergleich zu den anonymen Grasflächen, in die der VDK bis zu 60.000 Soldaten begräbt. "Der Friedhof ist inprivater Initiative wieder rekonstruiert worden", so Olga. "Über 312 Soldaten haben ihren Namen wieder bekommen und ein einzelnes Grab." Während des Krieges gab es hier ein Lazarett, dessen Spuren noch im Gelände erkennbar sind. Aber der Wald hatte alles überwuchert, bis kaum noch Spuren sichtbar waren. Jetzt macht die Lichtung im Wald mit seinem Soldatenfriedhof einen sehr gepflegten Eindruck. Auf einem Baumstumpf an der Ecke liegen Knöpfe, Münzen oder Patronenhülsen. "Immer wieder kommen solche Sachen ans Tageslicht", erklärt Franz die Lage. „Man nimmt sie nicht als Souvenirs mit, sondern legt sie hier ab." Ich finde auch einen Knopf und lege ihn dazu. Wem er wohl gehört haben mag, denke ich mir. Während ich durch die Grabreihen schlendere und die Namen sehe, frage ich mich: "Was war so wichtig, dass Sie hier in Belarus ihr Leben lassen mussten?"

Es ist ein Gedanke, der mir noch öfter durch den Kopf gehen sollte. Während wir weiterfahren, zeigt Franz mal hierhin, mal dahin. Immer mit einem Hinweis verbunden, dass dort 5,20 oder auch 100 Soldaten liegen. Oberirdisch ist davon nichts mehr zu sehen

Schließlich biegen wir in das Gelände eines Sanatoriums ein und gehen ein Stück zu Fuß. Nachdem wir den Wald hinter uns gelassen haben, bietet sich ein fantastisches Panorama: Vor und schlängelt sich der Dnjepr in vielen Windungen durch die Ebene und glitzert träge in der abendlichen Julisonne. Ein Ruderboot kann ich sehen - und die Kinder, die im Wasser schwimmen. Und ich kann noch die Schützengräben erkennen, die immer noch im Gelände vorhanden sind.

Und plötzlich schießt es mir durch den Kopf, dass ich am Dnjepr stehe. Hätte mir das jemand vor vielleicht 15 Jahren prophezeit, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Ich stehe mitten in Russland, kann mich völlig frei bewegen und bin Gorbatschow dankbar, dass es die Grenze zwischen den feindlichen Lagern nicht mehr gibt. Auf der Welt ist es zwar nicht unbedingt friedlicher geworden - aber für mich schon. Abgesehen von einem großen bürokratischen Aufwand bei der Einreise und langen Wartezeiten an der Grenze merkt man nichts davon, in der angeblich letzten Diktatur Europas zu stehen.

Die Miliz ist kaum zu sehen, für Raser ist das schlecht. Es gilt Tempo 90 und wer schneller fährt, sollte sich gut auf das Geschehen vor sich konzentrieren. "Meine Kollegen hierzulande verstehen da kein Spaß", meint Franz. Also halten wir uns an das Tempolimit. Jeden Fall meistens…

Nein, von Diktatur ist äußerlich nichts zu sehen. Selbst als Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez in Minsk zum Staatsbesuch ist, läuft das alltägliche Leben ganz normal weiter. Wir stehen vielleicht 15 Meter vor dem Präsidentenpalast, in dem Präsident Lukaschenko und Chávez miteinander konferieren - und ein einziger Mann der Miliz steht freundlich lächelnd davor. Allerdings haben einige betont unauffällige Herrn das Geschehen stets im Blick. Bei ähnlicher Gelegenheit wäre ich wohl nicht so dicht an das Berliner Kanzleramt herangekommen.

Wieso Belarus einen so schlechten Ruf in der medialen Welt habe, frage ich Botschaftsrat Malinowsky. Er zuckt die Schultern, "wenn man ihn erst einmal hat, wird man ihn so schnell nicht wieder los", meint er. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich Weißrussland sehr genau angesehen hat, was mit Ländern geschieht, die nahtlos aus dem Kommunismus in die Marktwirtschaft wechselten.

Die Republik Belarus fährt da ein sehr besonnenen Kurs, den man fast als einen nationalen Sozialismus bezeichnen könnte, wenn dieses Wort nicht einen so schlechten Klang hätte. Lukaschenko versucht, die guten Seiten des sozialistischen Systems zu bewahren - und allmählich die Marktwirtschaft zu entwickeln. Als Thomas und ich in der Minsker Prachtstraße einen Imbiss zu uns nehmen, können wir das Treiben beobachten.

Wir können nichts Auffälliges feststellen. Es könnte auch Berlin sein, oder Paris oder London. McDonald's ist auf den Werbeflächen präsent, Sony, Coca-Cola, Mercedes, Audi und ein namhafter deutscher Baumarkt. Wir ziehen weißrussische Spezialitäten vor. Blini mit Gemüse oder mit Kaviar und etwas, von dem wir nicht wissen, was es ist. Einfach lecker…

Auch von der Bürokratie sozialistischer Tradition bekommen wir nur im Außenministerium noch Anklänge zu spüren, als ich meinen Presseausweis abholen will. Es geht schnell, man ist freundlich und hat ein nettes Wort für uns." Sehen Sie sich in unserem Land um, es wird Ihnen hier gefallen", bekomme ich zu hören.

Am nächsten Tag fahren wir nach Schurawitschi, dorthin wo mein Onkel Jan Köllmann vor 63 Jahren begraben wurde, an jenen Ort, der so unerreichbar schien und der jetzt doch so nah liegt.

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